Der "Kurier" im Gespräch mit zwei Mönchen:
David Steindl-Rast ist österreichisch-amerikanischer
Benediktinermönch, Eremit, Spiritualitätslehrer Johannes Pausch hat das Europakloster Gut Aich bei St.
Gilgen gegründet und ist Abt.
Die Sonne scheint, die Natur blüht und gedeiht und wir sollen uns in der Fastenzeit kasteien.
Johannes
Pausch: Wir kasteien uns nicht. Nur wenn man eine
Abmagerungs- oder Schönheitskur machen will, dann muss man sich
kasteien.
David Steindl-Rast: Unserer Meinung
nach ist
Fasten Ausdruck der Freude, der
Vorfreude auf Ostern. Es ist verbunden mit dem Gebet, mit dem
Aufheben des Herzens zu Gott. Fasten ist immer das, was uns die guten
Werke kosten. Das mehr oder weniger Essen beim Fasten ist gar nicht
so wichtig.
Pausch: Ein gutes Werk selbst ist
schon das Fasten.
Steindl-Rast: Fasten ist, was
der Liebesdienst kostet.
Ein Beispiel?
Steindl-Rast:
Früher aufstehen, um einen Kranken besuchen zu können.
Pausch:
Etwas tun, was ich früher vernachlässigt habe. Die Frau, die
Kinder. Zeit nehmen, achtsam werden.
Steindl-Rast:
Wenn ich mit Unternehmern spreche, taucht immer wieder die Frage der
Familie auf. Sie kommt zu kurz. Da würde fasten weniger
arbeiten bedeuten, vielleicht sogar einen Verlust dafür in Kauf zu
nehmen, um für die Familie da zu sein.
Pausch:
Gleichzeitig ist es auch ein Liebesdienst, wenn ich mir selber
Gutes tue. Wenn ich weniger grantig, weniger abgespannt,
weniger hektisch bin, dann ist das für meine Umgebung eine
ungeheure Erleichterung.
Steindl-Rast: Das
Gegenteil wäre, wenn sich jemand Kasteiungen auferlegt und deshalb
nur grantig ist.
Pausch: Da gibt es das Beispiel
von dem Mönch, der abends gerne eine Zigarre geraucht hat. Er hat
dem Abt gesagt, er raucht als Fastenopfer keine Zigarre mehr. Worauf
der gemeint hat, tun Sie das sich und Ihren Schülern
nicht an.
Steindl-Rast: Es ist das
Ausbessern von dem, wo wir zu anderen Zeiten nachlässig
sind. Viele von uns haben schlechte Essensgewohnheiten.
Pausch: Man soll wieder mehr das Kauen
lernt. Kauen ist das halbe Leben. Das ist nicht nur ein körperlicher
Vorgang, sondern auch ein seelischer. Wir fressen zu viel in uns
hinein, um gute und schlechte Gefühle damit zuzudecken. Um dann die
Last in Form von Kilos mit uns herumzuschleppen. Es ist wichtig, das
Essen bewusster zu gestalten. Für viele ist es ein größeres
Fastenopfer, sehr bewusst und langsam zu essen als überhaupt nichts
zu essen.
Steindl-Rast:
Beim Fasten im Sinn von etwas weniger Essen wäre es eine gute Regel,
dass man etwa genauso lang oder länger zum Essen braucht als normal.
Dass man langsamer und bedächtiger isst. Der Grund, warum wir uns
beim Essen weniger freuen ist, dass wir uns gar nicht Zeit lassen
beim Essen. Es muss alles schnell gehen.
Pausch:
Wir hauen das Essen rein und schmecken und riechen es gar nicht
mehr.
Steindl-Rast: Manche, die über Fast Food lachen,
essen richtig gutes Essen, aber sie essen es schnell hinunter.
Das ist noch ärger als Fast Food langsamer zu essen.
Was
ist das Ziel des Fastens?
Pausch: Das
Ziel ist ein gutes Leben und Freude und Sehnsucht zu
finden.
Steindl-Rast: Und alles loszulassen, was
uns beschwert. Der Satz, ich beschwere mich
über jemanden anderen, sagt ganz klar, dass man sich selbst
belastet, wenn man sich beschwert.
Pausch:
Manche sagen, ich beschwere mich ja nicht, aber dann nörgeln sie
immer an jemandem anderen herum. Diese Haltungen machen den Leib
kaputt, die Seele kaputt, die Beziehungen kaputt, sie töten die
Freude von Anfang an.
Steindl-Rast: Wir sollen
Fasten von dem, was uns beschwert und keine wirkliche Nahrung gibt.
Vieles im Fernsehen oder Radio nährt weder den Geist noch die
Seele. Viele Leute schauen sich Dinge an, die ihnen Sorgen und Angst
machen. Von dem zu fasten, ist heutzutage wichtiger, als vom Essen zu
fasten.
Ihr Ordensgründer, der heilige Benedikt,
empfiehlt den Mönchen, in der Fastenzeit ein Buch zu lesen.
Pausch: Es ist eine Freude, ein Buch vom Anfang
bis zum Ende gelesen zu haben. In der Zeit Benedikts (480–547 n.
Chr.) waren Bücher eine große Seltenheit. Er sagt zu den
Möchen, ihr müsst in der Fastenzeit etwas lernen. Im Lesen etwas
Lernen ist etwas Entscheidendes für unsere Weiterentwicklung. Im
Fasten öffnen wir uns damit für etwas Neues. Es ist vor
allem ein Akt der Demut.
Steindl-Rast: Und es
ist ein Akt der Disziplin. Eine unserer Schwierigkeiten ist
unsere Zerstreutheit. Wenn man sich vornimmt, ein Buch vom Anfang bis
zum Ende in den 40 Tagen der Fastenzeit zu lesen, auferlegt man
sich eine gewisse Disziplin. Man erweist auch dem Autor seine
Ehrfurcht. Es ist auch gut, gemeinsam zu lesen.
Wann
sollte man fasten?
Pausch: Der heilige
Benedikt sagt, man sollte immer fasten. Immer heißt, mit der
Haltung zu leben, die das Fasten bedeutet.
Steindl-Rast:
Aber er sagt das deshalb,weil das die meisten nicht durchhalten
können. So machen wir es wenigstens 40 Tage. Diese 40 Tage bedeuten
Wanderung, Änderung und Umdenken.
Pausch: Das
ist ja heute gefordert. In allen Unternehmen spricht man von
„Change“. Das ist eine Wandlung. Umdenken, Neuwerden, sich
verändern.
Steindl-Rast: Man soll immer dann
fasten, wenn es um Änderung und Wandel im Leben geht.
Pausch:
Früher hat man vor den großen Feiertagen den Fasttag gehabt.
Damit man sich richtig auf das Fest einstellen kann.
Heißt
Fasten, sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren?
Pausch:
Ich würde eher sagen leer werden.
Steindl-Rast:
Leer werden kommt zuerst, dann wird man empfänglich.
Wie
wird man leer?
Pausch: Indem ich weniger
esse, weniger Fernsehen schaue, weniger im Internet surfe oder
mich im Alltag weniger ärgere.
Wie sollte man
fasten?
Steindl-Rast: Freudig, Wenn
man es nicht freudig tut, sollte man es lassen.
Pausch:
Jesus sagt, macht es nicht wie die Heuchler, die ein finsteres
Gesicht machen. Er sagt, bereitet euch auf einen Festtag
vor. Das ist die Grundhaltung. Das fällt einem nicht leicht, wenn
man mitten in einem Änderungsprozess steckt. Wenn man sich nicht
herausgefordert fühlt, ist die Situation, in die ich hineingehe,
auch nichts wert. Es kostet mich nichts.
Steindl-Rast:
Dann kommt die Konzentration herein. Man sollte dankbar fasten. Um
dankbar zu sein, brauchen wir heute eine Einengung auf weniger. Wir
haben so viel, dass wir gar nicht nachkommen mit der Dankbarkeit.
Wenn man sich auf etwas weniger konzentriert, bemerkt man erst, was
das für ein Geschenk ist. Man könnte auch sagen: Fasten ist, sich
reichlich Zeit zu lassen, um eins nach dem anderen anzuschauen und zu
sehen, was das für ein Geschenk ist. Dann kommt die Freude.
http://kurier.at/chronik/oberoesterreich/fasten-ist-das-was-uns-die-guten-werke-kosten/772.861
31.3.2012